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30 Jahre nach dem Deutschen Herbst - Helmut Schmidt zur Schuld von damals

Verfasst von Felix am Montag,3 September, 2007

Es ist eines der bemerkenswertesten und fesselndsten Interviews, die ich seit langem gelesen habe - und dafür verehre ich die ZEIT. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo befragte den damaligen Bundeskanzler zu seinen Gefühlen, Gedanken und Handlungen.

Es wird sehr schnelle deutlich, dass Helmut Schmidt es schwer fällt über die Ereignisse von 1977 zu sprechen. Zu Beginn gelingt es di Lorenzo auch nur schwer, wirklich stichhaltige Aussagen aus dem EX-Bundeskanzler zu bekommen. Zum Glück aus Leser-Sicht sitzt die Frau Helmut Schmidts, Loki Schmidt, mit beim Interview und mischt sich unabsichtlich immer wieder mit Erfahrungen und Gedankenansätzen ein. Somit wird auch Schmidt selbst offener und spricht sehr deutlich über seine Reaktionen von damals und über den Deutschen Herbst allgemein.

ZEIT: Wenn Sie sagen, dass Sie im Krisenstab die Erfahrung des Krieges geeint habe, meinen Sie die Erfahrung des Todes?
Schmidt: Zum Beispiel. Die Erfahrung des Todes, die Erfahrung der Todesgefahr.
ZEIT: Ist es auch die Erfahrung des Getötethabens?
Schmidt: (spricht sehr leise und verhalten) Das ist dasselbe.
ZEIT: Danach waren Sie alle also erwachsen, abgehärtet?
Schmidt: Ja.
ZEIT: Auch verroht?
Schmidt: Jeder Krieg bringt Verrohung mit sich, auf allen Seiten.

Es wird sehr schnell deutlich, dass die Zeit und die Ereignisse von damals Helmut Schmidt mehr bewegt haben, als es zu Beginn des Interviews den Anschein hat.

ZEIT: Sie haben 1989 geschrieben, dass zu Ihren schlimmsten Erinnerungen jene Stunde gehört, als Sie während der Trauerfeier neben der Witwe Schleyer saßen.
Schmidt: Ja, mir war natürlich immer klar, dass ich nicht nur in den Augen von Frau Schleyer oder ihres gemeinsamen Sohnes Hanns Eberhard Schleyer, sondern auch in meinen eigenen Augen mitschuldig war am Tode von Hanns Martin Schleyer. (spricht sehr leise) Das war mir immer klar. Das war mir auch klar in den ganzen Wochen, in denen wir ihn gesucht haben. Wenn es nicht gelingt, bist du selbst mitschuldig.

Sehr eindrucksvoll zieht Helmut Schmidt Bilanz gegen Ende des Interviews.

ZEIT: Wenn Sie sich das Ganze vom Ende her anschauen, nach diesen 44 Tagen: Da sind die Geiseln der Landshut befreit, Hanns Martin Schleyer ist geopfert, die Entführer sind nicht gefasst, die drei wichtigsten RAF-Gefangenen, die vor Gericht verurteilt werden sollten, haben sich durch Selbstmord dem Prozess entzogen. Der Staat hatte nicht nachgegeben. Aber hatte der Rechtsstaat auch gesiegt?
Schmidt: Der Rechtsstaat hat nicht zu siegen, er hat auch nicht zu verlieren, sondern er hat zu existieren!
ZEIT: Und was ist bei Ihnen zurückgeblieben?
Schmidt: Ich würde das wiederholen, was ich in der von Ihnen zitierten Rede vor 30 Jahren im Bundestag gesagt habe. Ich bin verstrickt in Schuld – Schuld gegenüber Schleyer und gegenüber Frau Schleyer und gegenüber den beiden Beamten in Stockholm – dem Militärattaché Andreas Baron von Mirbach und dem Wirtschaftsattaché Heinz Hillegaart, die umgebracht wurden.

30 Jahre nach dem Deutschen Herbst gerät das Bewusstsein für die sehr schreckliche Zeit wieder in den Vordergrund. Das Erste bringt eine zweiteilige Dokumentation über die RAF und den Deutschen Herbst. Sendezeiten sind am Sonntag, 09.09., um 21.45 Uhr und am Montag, 10.09., um 20.15 Uhr. Das ZDF strahlt bereits morgen um 20.15 Uhr die Dokumentation mit dem Titel “Das Wunder von Mogadischu” über die Entführung der Landshut aus. Die ZEIT bringt in ihrem Magzin ZEIT Geschichte ein Spezial zur RAF unter anderem auch mit einem längeren Bericht von Helmut Schmidt. Das Heft erscheint am Donnerstag.

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